Bitte entspannen Sie JETZT – oder „Mein erster Tag ohne Kind“

„Wie wäre es, wenn ich nächstes Wochenende allein mit Smarti zu meiner Mum führe und du mal deine Ruhe hättest?“ Ich bin gerührt, könnte Luftsprünge machen, überlege dann aber kurz ob es ein Scherz sein soll oder er etwas angestellt hat, das er gleich gestehen will. Sogar über Nacht will er bleiben? Er muss echt was schlimmes verbrochen haben.

Zwei Tage später: immer noch keine Beichte. Es bleibt also dabei. Ich habe bald 24 Stunden frei. Das erste Mal seitdem ich Mama bin!

Unter der Woche verhält das Kind sich vorbildlich nervenaufreibend. So muss ich mir wenigstens nicht mehr einreden, dass ich für diese Mußestunden auch hart geackert habe. Schläft das Zicklein, schreibe ich eine „ToDo-Liste“ mit allen Sachen, zu denen ich irgendwie nie oder viel zu selten komme. Man wird das stressig, all diese entspannenden Dinge zu tun. Kurzerhand wird die Liste also umbenannt in „CanDo-Liste“. Klingt schon viel besser. Als der Mann am Freitag von der Arbeit kommt, koche ich tanzend mit dem Kind auf dem Arm. Ich überlege, einen Zettel in die Briefkästen der Nachbarn zu werfen:

„Liebe Nachbarn, solltet ihr euch am Wochenende zeitweise oder durchgehend durch laute Musik gestört fühlen, so bitte ich um Verständnis. Ich habe seit 11 Monaten das erste Mal sturmfrei und gedenke, dies in vollen Zügen zu genießen. Liebe Grüße, die Mama aus Haus Nr. 5“

Samstag Morgen, 8 Uhr, Kinderzimmer: Papa steht auf und findet Mama weinend neben dem Kind in der Spielecke vor. Nanüüü???

Ich habe plötzlich das Gefühl, dass dieser freie Tag viel zu spät kommt. Ich bin müde, erschöpft, mein Akku ist leer. Ich heule, weil ich mir in diesem Moment nichts sehnlicher wünsche als endlich allein zu sein. Ich will mich selbst bemitleiden, weil ich Babys ständiges Geweine, Gepupse und die Langeweile mit Kind ständig alleine ertragen muss, während der Mann arbeitet und er nun auch noch die Lorbeeren kassiert, weil er mir einen Tag Freizeit gönnt. Gleichzeitig quält es mich, zugeben zu müssen, dass ich eine Pause von meinem eigenen Kind will. Was ist denn bloß in mich gefahren? Wie kann ich mir denn nur so etwas wünschen? Das mit dem Entspannen und den Luftsprüngen kann ich wohl abhaken. Soll ich schnell meine Tasche packen und doch mitfahren?

Bis zur Abfahrt bekommen wir mich wenigstens soweit aufgebaut, dass ich mir vorstellen kann, das Wochenende irgendwie auch alleine zu überstehen. 100 Küsschen später winke ich meinen beiden Lieblingsmenschen hinterher und bin allein. Und nun? Nachdem ich meine Fingernägel lackiert habe, muss ich schon auf meine ToDo,  sorry, CanDo-Liste schauen:

  • Geschenke einpacken
  • Unterlagen Gründerseminar lesen
  • Nägel machen
  • Blogparaden lesen
  • Blog basteln
  • baden
  • ausschlafen (habe ich das wirklich notiert, damit ich daran denke???)
  • Bad putzen
  • nähen
  • Friseurtermin vereinbaren

Mir dröhnt der Kopf noch vom Geheule. ERSTMAL RAUS beschließe ich… also ab in die Stadt. Ich hetze wie immer vom Parkplatz zum Coffeeshop und zwinge mich nach 5 Minuten zielloser Rennerei, in der nächsten Seitengasse kurz anzuhalten und mal tief Luft zu holen. Das wiederhole ich gefühlt alle fünf Minuten. Immer dann, wenn ich mich dabei erwische, dass mein übliches „nur-schnell-noch-ganz-kurz-bevor-das-Kind-meckert-Tempo“ einnehme und nur oberflächlich die Schaufenster abscanne. LOOOOS, JETZT ENTSPANN ENDLICH MAL!!!!

Die imaginäre Ohrfeige reicht, um kurz eine Hose anzuprobieren und die Kinderabteilung links liegen zu lassen. Danach zieht es mich wieder nach Hause. Schnell noch zwei Punkte von der Liste abgehakt und schon möchte ich den Mann fragen: „Wie lange noch?“

Ich schreibe aber doch lieber einer Freundin und finde selbst die passenden Worte: „Ich muss lernen wieder KERSTIN zu sein und nicht nur MAMA.“ Diese Erkenntnis überrascht und motiviert mich!!! Ich will wirklich wieder mehr ICH sein und weiß nicht mehr, was genau das bedeutet?!?! Ich kann nur vermuten, dass es etwas Geduld fordern wird, bis ich es herausfinde.

Vielleicht fange ich ja morgen erst einmal damit an, laut Musik zu hören. Ca. 5-6 Stunden Zeit dürfte ich nach dem Ausschlafen ja noch haben, wenn die beiden mittags wieder da sein wollen.

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