Der unsichtbare Freund

„Tinny…. was ist mit dir? Bist du hingefallen? Komm ich tröste dich.“

Da stehe ich bei DM im Gang zwischen dem Klopapier und dem Tierfutter und höre, wie mein Kind hinter mir mit jemandem redet. Als ich mich umdrehe, ist aber niemand bei ihr. Sie hockt auf dem Boden und redet vor sich hin. Tinny. Dieser Name fällt danach auf einmal ständig und ich frage Smarti, wer das denn sei. Sie antwortet mir: „Tinny ist meine Freundin. Ich tu aber nur so, als wenn sie echt ist.“

Da ist sie nun also, die unsichtbare Freundin. Seit ungefähr drei Monaten begleitet Tinny uns jetzt schon durch unseren Alltag. Sie wohnt mal bei uns, mal bei ihren Eltern und manchmal hat sie gar kein zu Hause. Ihr Alter und ihre Fähigkeiten sind wandelbar. Manchmal muss Smarti sich um sie kümmern, ein anderes Mal wird Tinny zur Beschützerin. Sie ist schon oft bei Autounfällen gestorben und kommt doch immer wieder zu uns zurück. Geschehen in unserem Hause „Missgeschicke“, trägt Tinny nicht selten wenigstens eine kleine Mitschuld. Tinny tröstet und wird getröstet. Mit Tinny wird geschimpft (Komischerweise kommen mir die Erklärungen und sogar die Tonlage dann immer sehr bekannt vor.) 


Ich bin total verblüfft, wie viele Dinge Smarti mit ihrer Freundin „bespricht“ und werde selbst ziemlich neugierig, mehr über das Thema „unsichtbare Freunde“ bei Kindern zu erfahren. Meine Fragen dazu konnte ich gleich bei zwei Personen loswerden. Katharina ist angehende Psychologin und hat sich ein ganzes Semester mit dem Thema „unsichtbare Freunde“ beschäftigt. Außerdem durfte ich meine Fragen auch an Anna vom wunderbaren Blog kinderwärts stellen. Ich bin ein echter Fan von ihrem Blog und ihre Meinung als Pädagogin hat mich daher ebenfalls brennend interessiert.

Ich habe meine Tochter schon immer für die „typische Kandidatin“ gehalten, die mal einen unsichtbaren Freund mit nach Hause bringt. Irgendwie passt das zu ihr, habe ich immer gedacht. Dabei kann ich nicht mal sagen, woran ich das festgemacht habe bzw. was denn in meinen Augen überhaupt den typischen Kandidaten ausmacht. Gibt es den überhaupt?

ANNA:
DEN typischen Kandidaten gibt es glaube ich nicht. Häufiger tritt eine imaginäre Freundschaft bei Einzelkindern und älteren Geschwistern auf. Außerdem haben sehr kreative Kinder imaginäre Freunde (was im Umkehrschluss nicht heißt, dass Kinder ohne imaginäre Freunde nicht kreativ sind.) Es gibt vielleicht ein „typisches“ Alter (wobei auch viele ältere Kinder noch imaginäre Freunde haben). Häufig tritt das Phänomen in der sogenannten magischen Phase bei Kindern zwischen  2 -5 Jahren auf. In dieser Phase entwickeln Kinder eine starke innere Vorstellungskraft und Phantasie. 

Katharina:
Ich vermute einfach mal, Deine Tochter ist sehr fantasiereich. Dies scheint imaginäre Freunde zu begünstigen. Dabei kann es durchaus verschiedene Arten von Freunden geben: Die Älteren, die beschützen und die jüngeren, die man beschützen kann. Das älteste Kind ist wahrscheinlicher, vermutlich, weil es eben nicht von Geburt an ein Geschwisterkind hat.
Ich würde fast wetten, dass aus Deiner Tochter mal eine Leseratte wird. Die Fantasie spricht zumindest dafür. Vielleicht schreibt sie später selber Tagebuch, wenn sie älter ist.

Wir haben gerade Nachwuchs bekommen und sind umgezogen. Meine Tochter hat dadurch in letzter Zeit weniger Aufmerksamkeit bekommen als früher. Kann das plötzliche Auftauchen der unsichtbaren Freundin damit zu tun haben?

ANNA:
Ja, kann es. Es sind sogar zwei ganz typische Situationen, in denen Kinder plötzlich imaginäre Freunde haben. Dabei kann es, um die Aufmerksamkeit eurerseits gehen, aber auch insgesamt um die neue Situation. Unsichtbare Freunde treten häufig in Übergangssituationen (ach ja, die Pädagogensprache :))  auf.
Es ist aber kein negativer Aspekt, sondern eher als eine Ressource zu sehen. Dein Kind begegnet dieser herausfordernden Situation auf diese Weise. Die  Freundin kann sich mit ihr freuen, sie trösten, ist ihr ständiger Begleiter, wenn sie ihn braucht. Man sagt sogar, dass Kinder mit imaginären Freunden besser im Alltag zurecht kommen. 

Katharina:
Das ist durchaus möglich. Imaginäre Freunde können Freunde ersetzen, treten aber normalerweise in den Hintergrund,  wenn reale da sind. Mit ihnen fühlt man sich weniger alleine und auch soziale Kompetenzen sind gut zu lernen.
Ich war 9 als wir 100km weit wegzogen von allen meinen Freunden, dazu kam der Wechsel ans Gymnasium. Ich habe mir damals eine imaginäre große Schwester erschaffen. Sie hat mich beschützt, sie hat mich beraten. Es gibt also eine Art Perspektivwechsel, man kann Probleme und Erlebnisse aus verschiedenen Richtungen sehen. Sie verschwand wieder als alles gefestigt war, aber vergessen habe ich sie nicht. Dafür war sie mir zu hilfreich.

Ich selbst finde das Verhalten meiner Tochter ziemlich süß. Sie ist fürsorglich, kann sich dadurch wunderbar alleine beschäftigen und wirkt dabei zufrieden. Ich habe das Gefühl, es hilft ihr, sich ein wenig mehr von uns Eltern abzunabeln. Was genau bedeuten unsichtbare Freunde für die Kinder? Welche Rolle spielen sie in ihrem Leben?

ANNA:
Wunderbar, das klingt doch gut. Eine entspannte Haltung deinerseits ist auf jeden Fall schonmal ganz viel wert. Kinder haben viel Phantasie und so entstehen eben diese Freunde auch. Oft entsteht dies im Spiel, um einen Spielgefährten zu haben. Sie können auch als Sprachrohr oder Kommunikationsvermittler dienen. Wenn sie zum Beispiel erzählt, dass die Freundin Angst vor einer Situation hat, oder dass sie jemanden doof findet, dann heißt das meistens, dass es da um die Gefühle deiner Tochter geht. Wir können dies dann gut aufgreifen, und zu hören, warum die Freundin denn Angst hat. So können wir viel von den Kindern erfahren, was sie sonst evtl. nicht so offen kommunizieren können.

Katharina:
Imaginäre Freunde helfen soziale Kompetenzen zu erlernen. Sie ermöglichen Perspektivwechsel und das ‚testen‘ von Möglichkeiten. Außerdem wehren sie sich nicht, Kinder können also auch lernen zu bestimmen oder auch abzugeben. Sie können bei nervigen Sachen motivieren. Ich muss gar nicht alleine aufräumen, mir hilft ja jemand. Zudem sind sie vertrauenswürdig, man kann ihnen alles erzählen ohne Gefahr zu laufen, dass es verraten wird. Es ähnelt also einem Kuscheltier oder einer Puppe, nur dass der imaginäre Freund deutlich kompetenter ist, eben menschlicher. Im Spiel mit anderen Kindern treten sie meist zurück, es besteht also nicht die Gefahr, dass reale Kontakte dafür vernachlässigt werden. Und aus Kindern, die alleine spielen können, werden Erwachsene, die auch alleine sein können. Diese Gabe ist nicht zu verachten. Alleine spielen wollen ist nicht schlimm oder unsozial.

Manchmal ist es gar nicht so einfach mit der unsichtbaren Freundin in unserem Alltag. Die Tochter möchte, dass ich sie ebenfalls anziehe und den Tisch mit eindecke. Von anderen habe ich gehört, dass den unsichtbaren Freunden die Schuld in die Schuhe geschoben wird, wenn die Kinder etwas angestellt haben. Wir sollten wir uns als Eltern gegenüber den unsichtbaren Freunden verhalten?

ANNA:
Wie gesagt, ist deine entspannte Haltung total gut. Und es ist ganz normal, dass der Tisch mitgedeckt werden soll (das berichten sehr viele Eltern :)). Wenn es um Situationen geht, wie „die Schuld hat mein imaginärer Freund“ würde ich persönlich (kommt natürlich auch etwas auf das Alter des Kindes an) damit UMGEHEN: Nachfragen, warum hat er das denn gemacht usw. Und trotzdem natürlich ganz klar Stellung beziehen und sagen, dass das nicht in Ordnung ist. Wenn zum Beispiel irgendwas kaputt gegangen ist, kann man gemeinsam mit dem Kind UND dem Freund den Boden fegen.
Kinder wissen immer, dass dieser Freund nicht wirklich wirklich existiert. Wir müssen sie also nicht darauf hinweisen.
Also decke den Tisch einfach mit (wenn sie es sich wünscht), spiel mit ihr und sieh die Freundin als Bereicherung eurer Familie an. Ganz viele Dinge deuten darauf hin, dass es für Kinder etwas sehr positives ist, wenn sie einen imaginären Freund haben. Die Studien von Marjorie Taylor haben sehr interessante Aspekte an den Tag gebracht. Sie haben bessere Sprachfähigkeiten, sind emphatischer, kreativer, kontaktfreudiger…! 

Katharina:
Zunächst einmal das wichtigste: Akzeptieren, dass er da ist. Das ist nichts Pathologisches, nicht krankhaft, nicht gefährlich. Ich lese immer wieder von Eltern, die sich große Sorgen machen und Angst haben, ihre Kinder hätten ein psychisches Problem. Selbst bei Erwachsenen spricht nichts gegen einen imaginären Freund, solang dem Erwachsenen vollbewusst ist, dass er eben imaginär ist und nicht wahnhaft.
Leider leben wir in einer Gesellschaft, die Fantasie oft verteufelt. Dabei könnte es so einfach sein: Ja, dann deckt man eben für eine Person mehr ein, aber wenn der imaginäre Freund im gleichen Alter ist, warum nicht fördern? „Wenn ich ihn auch anziehen soll, hilf mir mal. Was zieh ich ihm jetzt zuerst an?“ „Er hat das runtergeworfen? Weiß er denn, dass das falsch war? Meinst Du, er sollte dafür Ärger bekommen?“
Man kann sie also gut für Pädagogische Zwecke nutzen. Es ist nichts falsches dabei. Vielleicht sollten wir ja alle mehr sein wie die Kinder. Wer hätte nicht gerne ‚Hilfe‘ beim Putzen, Aufräumen etc.? Also bei all den Dingen, die wir alleine tun müssen, aber nicht wollen.
Fantasie ist wichtig und schön. Fördern wir sie, statt sie zu verfluchen, wer schreibt sonst mal den erhofften achten Harry Potter Teil? 😉

Ich danke euch Beiden von Herzen dafür, dass ihr euch die Zeit genommen habt, meine Fragen so ausführlich zu beantworten. Ich bin mir sicher, dass es viele Eltern gibt, die dieses Thema ebenfalls interessiert.

Und nun seid ihr mal wieder gefragt. Erzählt mir doch mal von euren unsichtbaren Mitbewohnern. Kamen die bei euch auch in so einem besonderen Umbruch? Gibt es witzige Namen oder Geschichten zu ihnen? Hattet ihr als Kind selbst einen unsichtbaren Freund? Ich bin wirklich neugierig und freue mich über eure Kommentare.

5 Gedanken zu “Der unsichtbare Freund

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