Nur dieser eine Moment – von Vorurteilen statt Verständnis

Es ist Montag Nachmittag. Das Baby schreit im Kinderwagen und ich bin sichtbar genervt. Noch einige Meter hoffe ich irgendwie, dass sie doch noch im Wagen einschläft. Vergeblich. Das Schreien wird immer schlimmer. Also bleiben wir vor deinem Fenster stehen. Ich hole lieblos, genervt und fluchend das Baby heraus und stopfe es in die Trage. Nebenbei beschimpfe ich auch noch Smarti, deren gut gemeinte Gesänge und „schhhhhh-schhhhhhh“- Töne zur Beschwichtigungen ihrer kleinen Schwester mir neben dem Geheule gerade den letzten Nerv rauben. Ich bin kurz vorm explodieren, als sich die blöde Trage nicht verschließen lässt, das Baby sich darin hin & her windet und dabei ständig den Schnuller verliert. Deine Blicke und dein Kopfschütteln über mich bemerke ich deshalb gar nicht.

Seit Nächten habe ich kaum geschlafen, das Baby schreit abends wieder und schläft tagsüber nur noch an der Brust oder im Tuch. Mein Rücken tut vom vielen tragen weh. Sämtliche Versuche, sie mal abzulegen sind heute bisher gescheitert. Bevor ich im häuslichen Chaos durchdrehe, habe ich gerade eben die Notbremse gezogen und bin mit den Kindern nach draußen gegangen. Doch scheinbar zu spät, denn nun pöbel ich doch ziemlich ungehalten herum, motze meine Kinder -darunter ein BABY- an… und das vor deinen Augen.

Zehn Minuten später schläft das Baby friedlich und ich kann wieder tief durchatmen, denn die Ruhe und frische Luft zeigen ihre alt bewährte, beruhigende Wirkung. Mein schlechtes Gewissen setzt unmittelbar ein. Ich küsse das Baby auf den Kopf, streichle dem großen Mädchen übers Haar und sage ihr, dass sie eine tolle Schwester ist und dass es mir leid tut, dass ich gerade so stinkig zu ihr war. Ich erhalte einen liebevollen Drücker und das Kriegsbeil ist begraben. Unser Spaziergang wird am Ende genauso, wie ich ihn mir erhofft habe und ich genieße die Zeit mit meinen Mädchen. Doch wir sind bereits viel zu weit weg von deinem Fenster, als dass du uns noch dabei noch beobachten könntest.

Rabenmutter, Vorurteile

In der Nacht schlafe ich schlecht. Nach dem Stillen liege ich noch lange wach im Bett und überlege, was ich ändern kann, damit die nächsten Tage nicht wieder so anstrengend und fordernd werden. Dass ich mir viele Gedanken mache und das, was du gesehen hast, nicht meinem Anspruch an gute Elternschaft entspricht, weißt du natürlich nicht. Du kennst mich schließlich nicht.

Mein Gedankenkarussell wird unterbrochen, als Smarti vor meinem Bett steht, weil sie nicht schlafen kann. Sie krabbelt zu mir ins Bett, kuschelt sich an mich und je ruhiger sie wird, umso entspannter werde ich auch wieder. Ein Seufzer links von mir, einer von rechts und endlich finde auch ich wieder zur Ruhe. Dass meine Töchter üblicherweise dafür sorgen, dass ich glücklich und zufrieden mit mir und meinem Leben bin, kannst du nicht ahnen.

Am nächsten Nachmittag gehen wir den gleichen Weg an deinem Fenster vorbei. Gut gelaunt, mit einem selbstgepflückten Blumenstrauß in der Hand. Ich bin trotz Schlafmangel entspannt, denn ich habe am Morgen noch mit papAhoi darüber gesprochen, dass ich mich nicht ausstehen kann, wenn ich so ungerecht den Kindern gegenüber bin und nach Lösungen gesucht. Doch du bist nicht da, um uns zu sehen. Vielleicht, hast du uns auch schon längst wieder vergessen, nachdem du dich genügend über mich ausgelassen hast. Erst bei unserer nächsten Begegnung fällt dir DIE RABENMUTTER wieder ein, denn genau das werde ich in deinen Augen von nun an leider für immer sein.

Und wer bist DU?

Etwas von dir steckt wohl in jedem von uns. Nicht liebevoll genug aufs weinende Baby reagiert, das bockende Kleinkind zurück angebockt, nicht adäquat getröstet, in der Öffentlichkeit ausgetickt, das Handy mehr beachtet als die Kinder…. Unser Urteil ist häufig längst gefällt, bevor wir einen zweiten -genaueren- Blick hinter die Fassade werfen und mehr als nur diesen einen Bruchteil von einer Geschichte kennenlernen dürfen. Davon nehme ich mich selbst nicht einmal aus. Dabei gerät doch jeder von uns mal in Situationen, die ihn nicht von der rosigsten Seite präsentieren. Oder etwa nicht?

Ich bin Kerstin und als Mama gebe ich jeden Tag mein Bestes. Mal mit gutem, mal mit mäßigem Erfolg. An manchen Tagen -wie diesem- auch mit Bruchlandung. Ich hätte mich bestimmt sehr gefreut, wenn mir jemand ein aufmunterndes Lächeln oder ein paar nette Worte geschenkt hätte. Stattdessen muss ich damit rechnen, dass ich aufgrund so einer Situation von anderen leichtfertig abgestempelt werde. Denn für den ersten Eindruck gibt es scheinbar wirklich selten eine zweite Chance.

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